Dr. J. Herm. Schneiderwirth über die Parther

„Die Parther sprachen zunächst ihre besondere Sprache, die nach Justin eine aus medischen und skythischen Bestandtheilen zusammengesetzte Mundart; nach der wohlbegründeten Vermuthung grosser Sprachforscher, die sich auf die ächt persischen [iranischen] Namen der meisten Arsaciden, auf Legenden von Gemmen, Münzen, Denkmälern stützt: ein Dialekt des Altpersischen, das Pehlvi, war, erinnernd an Pahla, die Heimat der Arsaciden, der semitische Bestandtheile aufnahm, von dem sich noch Reste bei den Bewohnern Masenderans bis auf den heutigen Tag erhalten haben. […]

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Aras (Arsaces) I., Gründer des parthisches Reiches und der Arsakidendynastie

Einzelne Arsaciden, wie Vardanes I., sprachen ganz fertig Griechisch. Man liess griechische Bühnenstücke aufführen, studirte die Geschichte der Vorfahren, der Altperser, förderte die Abfassung historischer Werke durch die Bibliothek von Ninive. […]

Die Masse des Volkes blieb der alten nomadischen Einfachheit und Mässigkeit, ihrer unsteten Lebensweise, ihrem Hange zur Gewaltthätigkeit und zum Kriege treu ergeben. Diesem Charakter, dieser Lebensweise entsprach ihre einfache Religion, die in der Hauptsache keine andere war, als die altpersische [altiranische], als die der Sasaniden.

Die Parther waren Anbeter der Elemente, des Wassers, der Erde, der Sonne, des Mondes, der Sterne. In den ältesten Zeiten opferte man auf Bergen. Erst nachdem man reich geworden und mit dem Bilderdienst der westlichen Völker in Berührung gekommen war, gab es Tempel, Statuen, Götzenbilder, welche letztere man oft auf Reisen mit sich führte. […]

 

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Mêrda (Mihtradates) I.

Wie in Atra und an andern Orten war ein grosser Sonnentempel auch in Emesa („Homs“), reich an Gold, Silber, kostbaren Steinen, weit und breit hoch verehrt, nach welchem auch die parthischen Satrapen und Könige alle Jahre wetteifernd Geschenke schickten. Wie bei den Persern, ist auch bei den Parther der Sonnengott Mithras („Mêhr, Mêr, Mîhr, Mîr“) die höchste Gottheit. […]

Früh am Morgen, indem sie die aufgehende Sonne anrufen, beginnen die Parther, gerade wie die Perser, am liebsten die Schlacht, so unter Pakorus I.; so unter Artaban V. bei Nisibis („Nisêbîn“). Der persische Feuerdienst, uralt bei den iranischen Stämmen, wird für die Parther ausdrücklich bezeugt. In Asaak, der Wiege der parthischen Herrschaft, wo der erste Arsaces als König ausgerufen ward, wurde von den Parthern das ewige Feuer unterhalten. So berichtet Isidor von Charax. […]

ardaban II

Ardaban (Artabanus) II.

Auf einer Münze des Vologäses VI., des Bruders von Artaban V. erscheint, wie auf den Sasanidenmünzen, der persische [iranische] Feueraltar. Die Flüsse, das Wasser, dieses Leben, Gedeihen und Frucht gebende Element, erschienen den Iraniern ehrwürdig und genossen denn auch bei den Parthern eine besondere Verehrung. […]

 

Grosse Verehrung fand bei den Parthern Herakles. Ihm brachte, wie früher ezählt ist, Gotarzes [Guhderz] Gelübde dar. […] Nipperdey sagt: „Der Gott ist der assyrische Sandan, dessen Cult über den grössten Theil von Vorderasien, Lydien, Cilicien, Phönizien verbreitet war. Er war ein Sonnengott und wurde von den Griechen wegen gewisser Aehnlichkeiten als Herakles bezeichnet.

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Guhderz (Gotarzes) I.

Nach v. Gutschmid ist dieser Herakles identisch mit dem iranischen Verethragna, dem Geiste des Sieges, und Geliebte der Aphrodite, der Anaitis oder Anahita, die auch als Jagdgöttin, als persische Artemis erscheint. Letztere, deren Cult wir auch bei den Altpersern, Medern und namentlich bei den Armeniern finden, ward von den Parthern hoch verehrt. Sie hatte an vielen Orten Tempel, so bei Arbela [Erbîl/Hewlêr], und einen Haupttempel aus uralter Zeit in Ekbatana [Hamadan]. […]

Wie die Gottheiten, so finden wir auch die Priester der Meder, der Altperser, der Neuperser: die Magier, bei den Parthern. Sie nahmen nicht, wie man gemeint hat, eine untergeordnete, sondern vielmehr eine sehr geachtete Stellung im Reiche ein. […]

Sie sind, wie Priester, so Aerzte, Lehrer, Astrologen, schreiben die Reichsannalen, die verloren gingen, als die Tempel und Denkmäler der Arsaciden von den Sasaniden zerstört wurden. […]

firat II

Firat (Phraates) II.

Je tausend Mann dieser Stahlreiter schützten in der Schlacht die seidenen, goldgestickten, an kostbar vergoldeten Stangen sich hoch in die Luft erhebenden Fahnen, schirmten die Feldzeichen, das Reichsbanner, das nicht, wie bei den Altpersern ein goldener Adler auf hohem Schafte, sondern wie bei den Sasaniden, eine mächtige Drachen- oder Schlangen-standarte war.

Wie die Parther gewöhnlich früh am Morgen die Schlacht begannen, unter den dumpfen Tönen der das Zeichen zum Kampfe gebenden Kesselpauken: so unterbrachen diese Verehrer des Lichtgottes auch sofort bei herannahender Nacht nicht nur das Tagewerk, sondern entfernten sich auch jedesmal mit ihren flüchtigen Rossen weit vom Feinde.“


Quelle:
Schneiderwirth (1874)