Das „Kurdî Xwarin“ („Südkurdisch“)

Die südkurdischen Dialekte geben in ihrer kleinen Fülle wohl das wieder, was der ganze kurdische Sprachkomplex demonstriert: Eine grosse Vielfalt.
Die in den südlichen Regionen Kurdistans gesprochenen Dialekte werden in der Wissenschaft heute pauschal als „Südkurdisch“ zusammengefasst. Dabei kristallisieren sich vor allem die Dialekte „Kelhuri“, „Kirmaschani“, „Feyli“ („Pehli“), „Gurani“ (Achtung: nicht „Gorani/Hewramani“) und das „Laki“ (auch „Nordlurisch“ genannt) heraus, wobei zu erwähnen ist, dass eine umfassende Erforschung dieser Dialekte heute noch nicht stattgefunden hat. Ihre Siedlungsgebiete beinhalten Xanaqîn, Mandalî, Badra, Qasri Schirin, Ilam, Dehloran, Kirmaschan, Hamadan, Nehavend und Khorramabad:

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Verteilung der „Kurdî Xwarin“-Sprecher (exkl. Laki; rot) und der Laki-Sprecher (orange)

Der Komplex der südlichen Dialekte der kurdischen Sprache „Kurdî Xwarin“ ist heute auch für viele Kurden verwirrend. Da die südkurdischen Dialekte in einem Gebiet gesprochen werden, das früher das Kernland der Parther, wie auch der Meder (die Gebiete zwischen Hamadan, Kirmaschan, Ilam, Pahla und Nehavend) und damit der Schmelzpunkt verschiedener nordwestiranischer Völker war, zeigt sich uns das Resultat im Erscheinen unterschiedlicher Kulturen und südkurdischer Dialekte.

Historisch betrachtet war Nehavend unter den Parthern selbst, aber auch unter den Sassaniden die Hochburg der Parther und wurde während der islamisch-arabischen Invasion (zu dieser Zeit angeführt vom Khalifen Omar) hart umkämpft.
Der parthische Charakter ist heute u.a. in der Bezeichnung des Dialektes „Feylî/Faylî“ versteckt, der rund um die Region „Pahla“(dt. für „Parthien“) gesprochen wird und eigentlich „Pehlî/Pahlî“ heisst, was nichts anderes ist, als die kurdische Bezeichnung für „parthisch“. Die Umwandlung des „p“ zum „f“ ist während der Islamisierung Kurdistans erfolgt, da das arabische Alphabet keinen Buchstaben „p“ kennt (ähnlich wurde „Parsî“ zu „Farsî“, oder „Pîroz“ zu „Fîroz“). Aufgrund ihrer parthischen Eigenschaften werden einige dieser Dialekte – nämlich Laki, Kakai, Fayli, ebenso Hewramani und Dimili/Zazaki – auch pauschal als „Pehlewanî/Pahlawânî“ bezeichnet (Izady, 2009).

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Sprachgebiete des Pahlawanî gem. Izady (2009): Hewramanî, Kakaî, Kalhorî, Lakî, Faylî (Pahlî), Gûranî, Kirmaschanî

In der frühislamischen Geschichte brachte die Region namhafte Persönlichkeiten hervor, wie z.B. den Baba Taher aus Hamadan, die allesamt in ihrer Kultur und ihren Werken die antike Geschichte der Kurden weitertrugen.

Charakteristisch für die Sprecher des „Kurdî Xwarin“ ist, dass die grosse Mehrheit schiitisch ist. In diesem Kontext ist zu erwähnen, dass andere kurdische Minderheiten, die eine spezielle kurdische Varietät aufweisen, wie z.B. die Dimilis oder Hewramanis, zu einem beachtlichen Teil einer religiösen Minderheit innerhalb der kurdischen Gesellschaft gehören: Schiiten (grösstenteils Kurdî Xwarin-Sprecher), Yarsanen (grösstenteils Hewramani-Sprecher) und Aleviten (grösstenteils Dimili/Zaza-Sprecher). Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass mit der besonderen Kultur eine gewisse Opposition gegen eine kulturelle oder religiöse Dominanz entstanden ist und daher diese Gruppen stets eine gesonderte Rolle eingenommen haben.

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Die ungefähre Verteilung der Sprecher des „Kurdî Xwarin“, siehe dazu „Kalhuri“, „Faili“ und „Laki“

Eine etwas verstreutere Gemeinschaft der Sprecher des „Kurdî Xwarin“ sind die Schechbizini-Sprecher, die über die heutige Türkei verteilt sind uns insbesondere in der heutigen Zentraltürkei beheimatet sind. Sie gehören dem Lak-Stamm an und ihre Migration nach Nordwestkurdistan und Zentralanatolien lässt sich zurückverfolgen bis ins 16. Jh. Mehr dazu, finden sie hier.

Die Dialekte der „Kalhori“, „Laki“ und „Fayli“ sind nach ihren Stämmen benannt (Kalhor, Lak, Fayli). Sie konnten nicht zuletzt dank ihrer strikten Stammesstrukturen und ihrer traditionellen Lebensweise ihre Dialekte bis heute erhalten.

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