Der Fluch des MacKenzie

Die heutige Klassifikation der kurdischen Dialekte wurde durch westliche Wissenschaftler gemacht. Die bedeutendste Eingliederung in die nordwestiranischen Sprachen wurde von David Neil MacKenzie (siehe Bild) durchgeführt.

MacKenzie

David Neil MacKenzie

Dabei wurden das Gorani und Dimili (Kirmandschki) als nicht-kurdische Dialekte bestimmt. Diese Dialektgruppen haben nach Forschungsergebnissen westlicher, europäischer Linguisten die Lautverschiebungen seit dem alt-nordwest-Iranischen zu den neu-iranischen kurdischen Mundarten nicht mitgemacht. Dazu kommt, dass diese Wissenschaftler (darunter MacKenzie, Windfuhr u.a.) die Hypothese vertraten, dass der Ursprung der Gurani- und Dimili-Dialekte vom Kaspischen Meer stamme. Diese Hypothese konnte bis heute jedoch nicht bewiesen werden.

Der Trend zeigt, dass die Wissenschaftler Kompromisse eingehen müssen und sogar eingehen, weil das Zugehörigkeitsempfinden der Dimili- und Gorani-Sprecher in der Klassifizierung vollständig ausser Acht gelassen wurde und neue Forschungsergebnisse zeigen, dass alt- und mitteliranische Sprachen komplexere Einflüsse aufweisen, als bisher angenommen. Antithesen widersprechen heute sogar der unbegründeten These, wonach Dimili und Gorani einen Ursprung am Kaspischen Meer haben.

Neue Thesen sehen deshalb sogar vor, dass dem Dimili und Gorani eine andere, dem neuen Forschungsstand gerecht werdende Kategorisierung zugesprochen werden soll, aber auch dass Kurmandschi und Sorani neu geordnet werden müssen. Mehrdad M. Izady hat diesbezüglich eine neue Gliederung vorgenommen.

mr_izady

Mehrdad R. Izady

In einem Brief an Hennerbichler schreibt Mehrdad R. Izady:

„Erstens, sind die Dialekte, die Sie als „nicht-kurdisch“ betiteln gemäss unserer Anerkennung nur von Kurden gesprochen. (Wer sonst spricht Gurani oder Dimili?). Also inwiefern sind sie nicht-kurdisch?

In meiner Klassifikation habe ich sie [die Dialekte] als die „Kurmandschi Gruppe“ und die „Pahlawani Gruppe“ genannt. Der Terminus „Pahlawani“ is weder neu noch ist er meine Erfindung. Die meisten westlichen Wissenschaftler, in Unkenntnis über die Schriften on Zakaria Qazvini, vor allem dem [Werk] „Al-Mu’jam“, würden diesen Punkt [den Terminus „Pahlawani“] verpassen (das Werk wurde nicht in westliche Sprachen übersetzt). Das starke Werk „Al-Mu’jam“ handelt von den existierenden Dialekten der „Pahlawani“-Gruppe, wie das „Awrami“, „Gurani“ und „Dimili“ und ihre Literatur von vor acht Jahrhunderten. […] An keinem Punkt werden sie „kaspische“ Dialekte, sondern einfach „Pahlawani“ genannt. Andere mittelalterliche iranische Schreiber und Dichter (wie Firdawsi) nennen diese Sprache auch „Pahlawani“. UND, „Pahla“, wo die Sprache zugeschrieben wird, ist das Gebiet zwischen Hamadan, Luristan und Shahrazur/Sulaimania, genau wo die Überbleibsel der Sprache vorzufinden ist (ausser „Dimili“).

Tatsächlich sind die „Faili“-Kurden die „Pahli“-Kurden. „Jene [aus dem Gebiet] von Pahla.“ Deshalb sollte die Sprache der Kurden zur „Kurmandschi“- und Pahlawani-Gruppe“ aufgeteilt werden, und nicht zu „Kurdisch“ und „Nicht-Kurdisch“. Sie sind beide kurdisch gemäss der Tatsache, dass sie NUR von Leuten gesprochen werden, die sich als Kurden bezeichnen. Eine Gruppe „nicht-kurdisch“ zu bezeichnen würde implizieren, dass jemand anderes sie auch spricht.

[…] Ich habe Proto-Kurdisch in Anführungszeichen gesetzt, was bedeutet, dass ich so etwas NUR annehme und nicht dass ich (oder irgend jemand sonst) einen Beweis für dessen Existenz hätte. […]“

Iranische Sprachen gem. Izady

Iranische Sprachen gem. Izady

Die Studie des MacKenzie über die kurdischen Dialekte wurde in der Wissenschaft oft und ständig als Sekundärliteratur verwendet, womit die subjektive Wissenschaft des MacKenzie sich tatsächlich bis heute durchsetzen konnte.

M. R. Izady – in ständigem Kampf gegen das etablierte Verständnis von MacKenzie – teilt die kurdischen Dialekte nicht in kurdisch und nicht-kurdisch, sondern in die Kurmânji- und Pahlawâni-Gruppe auf, was er damit begründet, dass die Sprecher all dieser Dialekte sich als KurdInnen verstehen und deshalb eine Aufteilung in eine nicht-kurdische Gruppe wenig Sinn mache:

„Kurmânji: The vernacular with the largest number of speakers is Kurmânji (or Kirmâncha), spoken by about three-quarters of the Kurds today. Kurmânji is divided into North Kurmânji (also called Bâhdinâni) and South Kurmânji (also called Sorâni). […]

Pahlawâni: To the far north of Kurdistan along the upper courses of the Euphrates […] the Dimili branch of Pahlawâni (less accurately but more commonly known as Zâzâ) is spoken by about 4,5 million Dimila Kurds. […] Dimili is closely related to Gurâni, a relationship indicative of a time when a single form of Pahlawâni was spoken throughout much of Kurdistan, when after the late classical period, Kurdistan was homogenized through massive internal migrations. At that time the domain of the Pahlawâni language was uninterrupted across Kurdistan. Today, in only one place around Mosul, do Gurâni (in the form of the BBajalân dialect) and Dimili (in the form of the Shabak dialect) still neighbor each other. The main bodies of Dimili- and Gurâni-speaking Kurds are now at the extreme opposite ends of Kurdistan.“

Komposition des Neu-Iranischen

Grafik von Jost Kipper, kurdische Terminologie gem. Mehrdad R. Izady

In Anbetracht der unzureichenden, aber etablierten Wissenschaft in Bezug auf die kurdischen Dialekte hat das Team von „Die Geschichte der Kurden“ auf Basis der von M. R. Izady erstellten Texte eine eigene Grafik entworfen. Die Abbildung zeigt die Vorgängersprachen der KurdInnen, die zeitliche Entwicklung der kurdischen Dialektgruppe und signifikante Einflüsse in diesem Prozess auf.

Um den wichtigsten Aspekten gerecht zu werden und eine verständliche Abbildung der Entwicklung der kurdischen Dialekte aufzuzeigen, wurden folgende Kompromisse eingegangen:

1) Der Fokus lag hauptsächlich auf den nordwesteranischen Sprachen, weshalb die südwesteranischen und osteranischen Sprachen bzw. Dialekte nur insofern behandelt wurden, dass deren Einflüsse und Beziehungen zu den nordwesteranischen Sprachen verdeutlicht wurden.
2) Der semitische Einfluss (Aramäisch, Arabisch) wurde völlig ausgeklammert.
3) Der neupersische Einfluss auf die verschiedenen Sprachen wurde ausgeklammert.
4) Um eine simple, benutzerfreundliche und übersichtliche Grafik zu erhalten, wurden auf komplexe Einflüsse, Beziehungen und Abhängigkeiten von vorhandenen oder nicht aufgezeigten Sprachen verzichtet. Dem Team von DGDK ist bewusst, dass die folgende Abbildung längst nicht alle Beziehungen zwischen den vorgestellten Sprachen aufweist. Jedoch ist das Team überzeugt, dass die signifikanten und wichtigsten Einflüsse und Abhängigkeiten mit dem Bild erklärt werden.

Ausserdem deutet die Nähe in der Abbildung zwischen den verschiedenen Gruppen und Sprachen nicht auf eine sprachliche Nähe hin.

POSTEN JPG

Kurdische Sprachentwicklung: Der Prozess der Bildung der kurdischen Dialekte

Der orange Kasten zeigt schliesslich die kurdischen Dialekte auf, deren Ursprung im Parthischen und Medischen liegt und die selbst von Sprachen wie dem Mittelpersischen, Avestischen oder Skythischen beeinflusst worden sind.


Quellen:
Hennerbichler (2004)
Izady (2004)
Kreijenbroek (o.J.)
MacKenzie (1962)
Windfuhr (1975)

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